Impulse

Zero / Bolero / SYNC
Ballett von Nanine Linning, Ihsan Rustem und Nils Christe
Musik von Arvo Pärt, Philip Glass, Ralph Vaughan Williams, Maurice Ravel, Ludovico Einaudi

[2 Std. 40 Min., 2 Pausen]

 

„Die Größe der Bewegung wird durch die Geschwindigkeit und die Größe der Materie vereint gemessen.“
Philosophiae Naturalis Principia Mathematica
Isaac Newton

ZERO
In den nächsten Jahrhunderten wird die Schwerkraft auf der Erde graduell sinken. Diese These inspirierte Nanine Linning zu ihrem Stück ZERO. Die undefinierbare Macht dieser einen Ziffer zeigt die Choreografin in ihrer Vorstellung von einer evolutionären Endzeitvision. Die Nullstelle ist Anfang und Ende – Alpha und Omega. Linning arbeitet mit Raum, Zeit und Bewegung, indem sie in ihrer Choreografie Untergang und Neuanfang mit dem Dualismus von Gravität und sphärischer Leichtigkeit verbindet. Vor diesem Hintergrund fragt ZERO: Wie werden sich dann die Lebens-, Körper- und Bewegungsformen der Erdenbewohner durch diese physikalischen Auswirkungen verändern?

Konzept, Choreografie und Bühne: Nanine Linning
Kostüme: Iris van Herpen
Lichtdesign: Ingo Jooß
Video: Roger Muskee
Dramaturgie: Phillip Koban

Eine Produktion des Theater und Orchesters Heidelberg, UA: 19.01.2013, Herstellung der Kostüme/Dekorationen in den Werkstätten des Theater und Orchesters Heidelberg, ca. 46 min.


Bolero (Deutsche Erstaufführung)
Ihsan Rustems Choreografie von Maurice Ravels weltberühmtem Ballett-Einakter liest sich unkonventionell, bunt und humorvoll, weil sie das Publikum mit einem Augenzwinkern mit seiner eigenen Erwartungshaltung konfrontiert. Nach seiner persönlichen Erfahrung beim Béjart Ballet hatte dieses Stück bei dem englischen Choreografen deutliche Spuren hinterlassen. Im Laufe der Zeit entwickelte er auf experimentelle Art einen Stil, den er in Bezug auf Bolero als improvisatorisch und „random“ (= frei von Regeln) charakterisiert: „Bolero – that’s me!“ Skurrile Bewegungen, Lockerheit und Selbstironie – nicht unbedingt typische Eigenschaften des Balletts – sind es, die das Publikum in diesem kurzweiligen Stück begeistern.

Deutsche Erstaufführung
Choreografie, Lichtdesign und Bühne: Ihsan Rustem
Kostüme (nach einer Idee von Mona Jones Cordell): Ihsan Rustem

UA: NW Dance Company, Portland Oregon, USA (2016), ca. 16 min.

>>> Video: Hinter den Kulissen von Bolero


SYNC
Die vier Großbuchstaben des Stücktitels werden aus dem Englischen abgeleitet und stehen für „syncronisation”, „syncopation” und „to be in sync”. Synchronizität, Rhythmik, Repetition und Einklang beschreiben auch wesentliche Bewegungsformen des Balletts – denkt man beispielsweise an die symmetrische Einheit eines Corps de Ballet. In SYNC verleiht der Begriff der „Synchronisierung“ auch der Nutzung des Bühnenraums neue Dimensionen. Denn Nils Christe erweitert das Bild eines menschlichen Körpers durch die Nutzung einer Traverse auf den eines metallenen Fremdkörpers. Auf diese Weise erzeugen die unterschiedlichen Sequenzen seiner Choreografie kaleidoskopartige Tanzformationen, die durch Präzision und Spitzentanz bestechen.

Choreografie und Bühne: Nils Christe
Einstudierung und Kostüme: Annegien Sneep
Beleuchtung: Ulf Kupke

UA: Washington Ballet, Washingston D.C.,USA (1996); erweiterte Fassung: Ballet du Nord, Roubaix, Frankreich (1997), ca. 45 min.

>>> Video: Hinter den Kulissen von SYNC


 


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Rezensionen

Atemberaubender Bolero, bedrohliche Urwesen, schwereloses Schweben

„Nanine Linning [ZERO] thematisiert mit atmosphärisch dichten und bildschönen Choreografien eine Art Evolutionsgeschichte. Wirkt der erste Teil ihres Experiments mit den Kostümen der Modedesignerin Iris van Herpen noch düster, kreiert sie zu Philip Glass’ Violinkonzert anmutige, zarte Bewegungen, die mit weit schwingenden Armen und kreisenden Körpern nahtlos ineinander übergehen. Die Neuinterpretation [Bolero] des gebürtigen Londoners Ihsan Rustem ist atemberaubend und außergewöhnlich. (...) faszinierend ist, wie Rustem mit einem Augenzwinkern völlig ungeniert mit der Erwartungshaltung des Publikums spielt und dafür kraftvolle, assoziationsreiche Choreografien findet, die den Tänzerinnen und Tänzern alles abverlangen. Einfach großartig. Christe [SYNC] gehört zu den Choreografen, die Musik auf besondere Weise visualisieren und dabei den Einklang von Rhythmus, Taktgefühl und Gleichzeitigkeit zelebrieren. Scheinbar schwerelos schweben die Tänzerinnen auf Spitze über die Bühne, während die Männer im Hintergrund nahezu synchron eine Traverse erobern. Alles ist im Fluss, Bild um Bild entsteht und macht Lust auf mehr. Wow – dieser Abend ist ein Fest für den Tanz und wird vom Publikum stürmisch gefeiert.“

Sabine Wagner, OTZ, März 2020

Mediathek

Fotos: Ronny Ristok