In der Strafkolonie

Kammeroper
Libretto von Rudolph Wurlitzer
Nach der Erzählung Franz Kafkas
Musik von Philip Glass
Deutsch von Cordula Engelbert und Bettina Rohrbeck
In der Reihe Der Konstruierte Mensch - Mensch und Maschine

[1 Std. 20 Min.]

 

„Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist:
Die Schuld ist immer zweifellos.“
Offizier

Ein Verurteilter soll getötet werden. Ausführendes Organ ist ein Offizier, der die traditionelle Hinrichtungspraxis nicht infrage stellt. Der neue Kommandeur der Strafkolonie hat angeordnet, dass ein Besucher der Exekution als Zeuge beiwohnt. Der Offizier beschreibt dem Besucher die Funktionsweise des Hinrichtungsapparats minutiös – Idee, Konstruktion und schließlich die Methode. Diese Methode ist die grausamste und inhumanste, die man sich vorstellen kann. Gleichermaßen leidenschaftlich wie sachlich erläutert der Offizier sämtliche Details. Er ist überzeugt davon, dass die Maschine den Verurteilten verwandelt; wenn er die Verwerflichkeit seines Vergehens einsieht, bereut er dieses. Während er seine Hinrichtung erwartet, kennt der Delinquent jedoch weder sein Urteil noch die Art der Bestrafung. Der Besucher ist zunehmend entsetzt über das, was er sieht, jedoch nicht imstande, einzugreifen.

1914 geschrieben, fasziniert Franz Kafkas (1883-1924) Erzählung bis heute durch ihre enorme Deutungsvielfalt – historisch, biografisch, literarisch, juristisch, philosophisch, religiös ... Philip Glass‘ (*1937) kongeniale Vertonung für zwei Sänger und ein Instrumentalensemble von fünf Streichern schafft mit den für ihn charakteristischen Repetitionen eine ganz eigene musikalische Atmosphäre: Die minimalistischen Klänge bohren sich ins Fleisch wie die Nadeln des Hinrichtungsapparats.

>>> Interview mit Regisseurin Angelika Zacek

>>> Video-Interview mit dem Inszenierungsteam und Künstlern

 


Rezensionen

In den Abgrund geblickt

„Peter Lehmanns Ausstattung und der virtuose Videobeitrag von René Grüner setzen auf eine dezidierte ästhetische Distanz zu einem irgendwie illustrierenden Realismus. Die Inszenierung vermeidet es bewusst, sich im Bildervorrat des Grauens zu bedienen, den die Gegenwart oder jüngere Vergangenheit bereit hält. Die Spielfläche wird von einem transparenten, weißen Kubus – jener Maschine – beherrscht, in dem Artem Pshenychnykov zu Beginn als Verurteilter nackt am Boden liegt, um dann in einer atemberaubend choreografierten Dauerbewegung auf die eskalierende Musik zu reagieren. So wie das in Gera [von Angelika Zacek] in Szene gesetzt ist, wird die Geschichte über den individuellen Schauer hinaus zu einer Mahnung an das eigene Verhalten. Denn irgendwie sind wir alle Zuschauer in den Logenplätzen der Freiheit auf die immer wieder ungebremst ausbrechende Barbarei in der Arena Welt. In Gera war der Beifall für die exzellenten Interpreten und ihre ambitionierte Kunstanstrengung mit Nachwirkung redlich verdient.“

Joachim Lange, OTZ, März 2020

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Fotos: Ronny Ristok